Vorwort des Primars der Neurologie im LSF, Primar Dr. Franz S. Höger

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Schlaganfall ist zu einer Volkskrankheit geworden, jährlich erleiden über 20.000 Österreicherinnen und Österreicher einen akuten Schlaganfall, dreimal so viele leiden unter den Folgen, Schlaganfall ist die häufigste Ursache für bleibende Behinderung im Erwachsenenalter und – nach Herzkrankheiten und Krebs – die dritthäufigste Todesursache.

In den letzten zehn Jahren sind in Österreich enorme Anstrengungen unternommen worden, die Schlaganfall-Versorgung grundlegend neu aufzustellen, ein flächendeckendes

Netzwerk von Spezialstationen – den sogenannten Stroke Units – zu etablieren und die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse im boomenden Fachgebiet der Neurowissenschaften

in den Alltag einfließen zu lassen.

An den Stroke Units wird der Patient personell von Pflege- und Ärzteteams sowie apparativ überwacht, es lässt sich innerhalb von 4 ½ Stunden die Thrombolysebehandlung durchführen (Auflösung des gefäßverstopfenden Blutgerinnsels mittels intravenöser Spritze) und es wurden interventionelle Techniken entwickelt, um einen frischen Gefäßverschluss wieder zu eröffnen. Somit bestehen heute erheblich größere Chancen auf ein weiteres Leben ohne oder nur mit geringer Behinderung.

Außerdem sind gerade in den letzten beiden Jahren neue Medikamente zur Blutverdünnung entwickelt worden, sodass in Zukunft auch länger nach einem Schlaganfall verbesserte

Therapiemöglichkeiten bestehen. Dass eine Therapie nach dem Ereignis – nämlich Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie sowie neuropsychologische Diagnostik und

Behandlung notwendig ist, versteht sich von selbst. Erfreulich ist, dass auch in diesen Fächern neue Erkenntnisse gewonnen wurden und dass insbesondere auf dem Gebiet der  Schluckstörungen ein interdisziplinäres Vorgehen Standard ist.

Johannes Maierhofer führt uns mit seinem Erlebnisbericht eindrucksvoll vor Augen, wie ein Patient selbst den Schlaganfall als einschneidendes Ereignis erlebt und welchen Leidensweg

er – trotz aller therapeutischer Bemühungen – erdulden muss. Der Bericht zeigt auch, wie in seinem Fall das Zusammenspiel der verschiedenen Krankenhausabteilungen

funktioniert hat, um alle modernen Verfahren schnellst- und bestmöglich anwenden zu können. Trotz aller professionell notwendiger objektiver Sicht ist es für die medizinischen

Disziplinen immer wieder wichtig, auch ganz persönliche Berichte aus dem Erleben der unmittelbar Betroffenen (und Angehörigen) wahrzunehmen.

Ich möchte aber auch im Sinne aller Betroffenen anregen, an jene zu denken, die in Folge ihres Schlaganfalls von vorne herein keine Chance oder – bei aller Motivation – „schlechte

Karten hatten“, wieder ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Somit darf ich abschließend Herrn Maierhofer zu seinem Erlebnisbericht – und zur erfolgreichen Rehabilitation – gratulieren und möchte seinem Band noch viele interessierte

Leser wünschen!

Prim. Dr. Franz Stefan Höger

Abteilungsvorstand der Neurologie

LSF Graz

 

 

Perspektive des Patienten Mag. Johannes Maierhofer

 

Ich heiße Johannes Maierhofer, bin 53 Jahre alt, Ehemann und Vater von vier Kindern im Alter von 19 bis 26 Jahren und Großvater eines Enkels von fünf Jahren. Ich bin mit meiner Gattin Sabine seit 1985 verheiratet. Unser Leben war bisher sehr vielfältig und es brachte viel Unerwartetes, Positives und Negatives mit sich. Kurz gesagt, wir sind eine für die heutige Zeit große Familie, deren Mitglieder sich bewusst sind, dass es auf jeden Einzelnen ankommt und die auf dieser Basis selbständig ihren Weg gehen.

In Februar 2010 hatte ich kurz nach unserem gemeinsamen fünfzigsten Geburtstag völlig unerwartet einen schweren Schlaganfall.

Das war eine einschneidende Erfahrung für jeden Einzelnen in der ganzen Familie. Ich selbst weiß gar nichts von der Zeit des Schlaganfalls bis Ende März 2010, danach habe ich ohne

etwas zu sehen, zu sagen und bewegen zu können nicht gewusst, ob ich lebe oder schon gestorben bin. In der Folge begann die Phase der Rekonvaleszenz. Insgesamt habe ich 2010

über sieben Monate in diversen Krankenhäusern verbracht. Die Perspektiven sind verschieden. Nachdem meine Perspektive sehr einseitig und nur aus der Sicht des Betroffenen

ist, kommen auch jene zu Wort, die diese Zeit aus anderer Perspektive und bewusst aus einem anderen Blickwinkel erlebt haben.

Meine Gattin Sabine hat das Geschehen aus ganz anderer Sicht erlebt. Während ich gar nichts mitbekommen habe, war sie doch mit meiner Lebensgefahr, mit meiner Lungenentzündung, mit der Magenblutung und den vielen offenen Fragen, die sich durch meine Abwesenheit bzw. durch meine Erkrankung ergeben haben, konfrontiert. Während ich in diversen Krankenhäusern war, opferte sie viele Stunden ihrer ohnehin knapp bemessenen Zeit, um sie an meinem Krankenbett zu verbringen.

Die Kinder waren zuerst geschockt, dann pragmatisch – schließlich standen sie mitten im Leben und hatten eigene Pflichten zu erfüllen, egal, was passiert.

Das Umfeld reagierte verständnisvoll, war aber verunsichert.

Schließlich war der Umgang mit einem Schlaganfallpatienten neu für alle Beteiligten.

In der Zwischenzeit habe ich eine Vielzahl an Erfahrungen gemacht, ich bin wieder daheim und lerne wieder gehen, schlucken und reden. Glücklicherweise hat mein Gedächtnis nicht gelitten, sodass ich klar über meine spezifische Situation nachdenken kann. Bei allen Einschränkungen konnte ich selbst in der schwierigsten Zeit immer hören und denken.

Heute, mehr als drei Jahre später, sind wir alle um eine große Lebenserfahrung aus dieser für uns doch sehr unbekannten Perspektive reicher.

Dieses Buch stellt das gesamte Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln dar. Während ich „nur“ der Patient bin und auch die Perspektive des Patienten beisteuere, kommen auch

Ärzte, Therapeuten und Schwestern bzw. Pfleger, denen ich das Überleben und die Heilung bis jetzt verdanke, zu Wort und bringen ihre Erfahrungen und Ansichten ein. Auch die

Familie, besonders meine Frau Sabine kommt zu Wort.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass der Schlaganfall für alle Unvorbereiteten und direkt Beteiligten eine besondere Erfahrung war. Ich habe mir zwar die Erkrankung nicht aus-

gesucht, aber ich habe durch sie auch viel gelernt, und wenn es nur das ist, dass man das Leben annehmen soll, wie es ist.

Heute bin ich allen dankbar, die mir in dieser außergewöhnlichen Zeit geholfen haben durch ihr Verständnis, durch ihr Dasein, durch ihr Kommen. (… Ihr habt mich gerufen

und ich bin gekommen – ich war der geringste Eurer Brüder, für den ihr das getan habt!) Ich danke für die zweite Chance, die jeder Einzelne von Euch mir gegeben hat!

 

Perspektivenbeschreibung meiner Gattin Sabine

Als wir mit dem Notarztwagen in Graz angekommen waren und ich nach einiger Wartezeit an Hannes Bett gelassen wurde, habe ich bemerkt, dass ich keinen Kontakt mehr mit ihm aufnehmen konnte. Seine Augen waren geöffnet, aber sie haben mich nicht gesehen. Ich glaubte, der Mund wollte sich zu Worten formen, aber es blieb das Gesicht eigenartig fremd. Es musste also nach meinem Gefühl sich in der knappen Stunde des Transportes doch noch einiges ereignet haben.

Kurz nach dem Eintreffen auf der Stroke Unit hat sich sein Zustand schnell verschlechtert, Hannes wurde intubiert und eilig an mir vorbei über den Gang in die neurologische

Intensivstation gefahren. Jetzt wollte ich nicht mehr weg von diesem Ort, ich musste über das Geschehene erfahren und durfte keinen Augenblick versäumen, der mich noch weiter von meinem Mann entfernt hätte.

……

Ich habe das Glück, zu meiner Familie und zu unserem Freundeskreis Ärzte zählen zu dürfen. Sie haben mir oft in langen nächtlichen Telefonaten, mit ernsten, ehrlichen und offenen Worten, die Situation noch verständlicher machen können. Durch dieses zusätzliche Verstehen ist das Vertrauen in alle behandelnden Ärzte, Schwestern, Pfleger, Therapeuten

immer mehr gewachsen. Denn ich hatte das Gefühl, es werde überall mit großem Respekt dem Leben in all seinen Phasen begegnet und mit Hilfe höchsten medizinischen Wissens und technischer Möglichkeiten sein Gelingen gefördert.

 

Das Leben in all seinen Ausprägungen – was alles kann das bedeuten?

…..

Der Frage nach dem „Warum?“ bin ich kein einziges Mal nachgegangen, wohl wegen meines Vertrauens in das Leben. Aber ich erzähle hier doch von einem Moment aus meiner Erinnerung:

…….

Ich konnte der „Hoffnungslosigkeit“ nichts abgewinnen. Für mich gab es ja nur Hoffnung, egal, wie ein Weiterleben nach dem Aufwachen auch aussehen könnte, ich würde den Weg gehen. Davon war und bin ich immer noch überzeugt. Oft fühlte ich mich in der Konfrontation von einigen Menschen bedrängt, dann aufgerufen, sie zu trösten. Ich habe von Hannes unbändigem Lebenswillen erzählt und davon, dass er alle Kraft der Welt braucht, um sein Leben zu leben. Und dass alles Zweifeln und Hadern ihm nur negative Energie zukommen lässt und damit jeden Fortschritt hemmt.

Einige Monate später habe ich dann von Begegnungen mit Hannes erzählt, in denen er, der Schwerkranke, mich getröstet hat, wenn ich mit Sorgen des Alltags und des Betriebes belastet zu ihm ins Krankenhaus gekommen bin. Seine Lebensfreude, sein Optimismus haben mich aufgerichtet. Davon habe ich immer wieder erzählt.

………….

 

Fakten zum Schlaganfall: Daten von Prof. Dr. Johann Willeit, Präsident der Schlaganfall Gesellschaft

 

Von 100 Schlaganfall-Patienten …

können etwa knapp 50 nach der Rehabilitation ihr Leben ohne Einschränkungen weiterführen

sind etwa 15 im Alltag so beeinträchtigt, dass z.B. die Berufsausübung nicht mehr möglich ist

haben etwa 15 Folgeschäden, die ihnen kein selbstständiges Leben mehr erlauben, sodass sie auf dauerhafte Pflege angewiesen sind

sterben im Durchschnitt 20

 

Stroke Units

Ein Grund für die immer besseren Überlebens- und Rehabilitationschancen sind die so genannten Stroke Units.

Mit 35 Stroke Units ist Österreich weltweit Spitzenreiter und bietet damit eine flächendeckende Versorgung. Die erste entstand Ende der 1990er-Jahre.

Die Stroke Units sind grundsätzlich binnen 45 Minuten erreichbar.

Seit 2003 gibt es das Schlaganfallregister der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG). Es dokumentiert Krankheitsverläufe und dient der Qualitätskontrolle.

 

Die „5 Gebote der Gesundheitsvorsorge“

Großen Fortschritten bei Akutbehandlung und Rehabilitation steht ein stagnierendes Risikobewusstsein der Bevölkerung gegenüber.

Wichtigste Maßnahmen der Primärprävention:

wenig Alkohol

nicht rauchen

täglicher Sport – zumindest 30 Minuten körperliche Aktivität

gesunde, ausgewogene Ernährung

regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung zur Kontrolle von Blutwerten und Blutdruck

 

Dr. Werner Salmhofer

Der Schlaganfall – eine Überraschung? Die Sichtweise vom Hausarzt

……..

Die medizinischen Gründe für einen Schlaganfall sind bekannt und sie werden auch in diversen Veröffentlichungen und Statistiken publiziert.

………

Das Gleichgewicht in der „Work-Life-Balance“ ist zugunsten der Arbeit gekippt.

Im Gegenzug zur Einschränkung der Hobbies hat die Arbeit mit ihrer Vielschichtigkeit einen immer höheren Stellenwert eingenommen.

………

So gesehen war der Schlaganfall von Johannes Maierhofer ein möglicher Schlusspunkt auf einem Weg, der von einer Entwicklung des Lebens von Johannes Maierhofer vorgezeichnet

war. Dass er heute seinen Heilungsprozess wieder positiv und aktiv gestalten möchte, begrüße ich grundsätzlich.

………..

Der gesunde Lebensstil betrifft nicht nur ein gesundes Essen und viel Bewegung, sondern er schließt auch eine gesunde Lebensweise mit ein. Abschalten, Work-Life-Balance, Pausen,

Rückzüge an Orte und Zeiten der Erholung, Hobbies uvm. sollten dabei nicht zu kurz kommen.

………

Natürlich stellt sich auch die Frage „Was wäre, wenn …?“ Vielarbeiter haben oft das Ergebnis und den Erfolg ihrer Arbeit bei dieser Frage im Auge. Wenn diese Zielsetzung den

Schwerpunkt in ihrer Lebenszielsetzung bildet, rate ich ihnen, auch die Erholung und den „Ausgleich“ als Zielsetzung hinzuzunehmen und ihm den entsprechenden Stellenwert

zu geben. Welches Verhältnis dieser Zielsetzungen und besonders ihrer Umsetzungen ideal sind, zeigen die medizinisch gemessenen Werte als Indikatoren.

……..

Als praktischer Arzt unterstütze ich gerne die Bemühungen meiner Patienten und freue mich, wenn neben der medizinischen Versorgung auch der Lebensstil jedes Einzelnen zum persönlichen Wohlbefinden beiträgt.

Das Buch ist natürlich mit 226 Seiten viel länger!